Den Glauben an das Erwachen weitergeben, Pierre Dôkan Crépon

Vortrag von Pierre Dôkan Crépon 
im Zen-Tempel der Gendronnière am 29. April 2012
Liebe Freunde,

Vor dreissig Jahren, bei der Bestattungszeremonie für Meister Deshimaru hing über seinem Grab eine Banderole mit dem Spruch « Auf ewig Zazen fortführen ». Heute widerhallt dieser Slogan im Titel dieses Vortrags : « Den Glauben an das Erwachen weitergeben ». Wird nicht « fortführen » zu « weitergeben » wenn man älter wird ? Bezieht sich nicht das so angedeutete « ewige Zazen » auf die religiöse Erfahrung, die wir Erwachen nennen ? Und ist nicht der « Glaube » derade das was uns diesen Slogan schreiben liess ? So bearbeiten, praktizieren, kneten wir immer wieder dasselbe. Zwar sind die Praktizierenden des Buddhawegs im Laufe der Jahrhunderte weitergezogen, von Indien nach China, nach Japan und in den Westen, doch den Antrieb gibt das immer selbe Prinzip der Tiefe, das uns unablässig erneuert. Genau dies tun wir indem wir uns heute versammeln und dem, der uns diesen alten, von den Buddhas der Vergangenheit entdeckten Weg gezeigt hat unsere Dankbarkeit bezeugen.
Die Begriffe Weitergabe, Glaube, Erwachen sind der Kern des Weges, sie offenbaren unsere Art, das Dharma zu leben. Mit diesem Ausgangspunkt möchte ich ein paar Fäden ziehen, ihre Verflechtungen erkunden und so einige Aspekte unserer Praxis unter die Lupe nehmen. Manche sagen, die Tradition sei jenseits der Worte und Schriften, doch ich glaube, dass die Wörter, wie alle Erscheinungen des Universums, Ausdrucksformen des Dharmas werden wenn wir sie als solche wahrnehmen.
Das Erwachen, bodhi in Sanskrit, bodai in chinesisch-japanischer Lesung, ist die Grundlage unserer Praxis, unseres Heils. Die monotheistischen Religionen sind Religionen eines einzigen Gottes, der Buddhismus ist die Religion des Erwachens. Früher übersetzte man bodhi mit « Erleuchtung ». Der Indienspezialist André Fouchet übersetzte den Begriff als « Klarsicht », « klar sehen ». Heute benutzen wir häufig das Wort « Erwachen », im Englischen wurde jedoch « enlightenment » beibehalten, ein Begriff, der sich auf Licht, Aufklärung bezieht. Die Sprachexperten weisen darauf hin, dass die Bedeutung des Sanskrit-Verbs irgendwo zwischen « erwachen » und « verstehen » liegt während das der selben Wurzel – budh – entspringende griechische Verb « durch Information lernen » bedeutet. Es handelt sich also um zwei Arten der Wirklichkeitswahrnehmung : die indische Zivilisation bevorzugt das intuitive Verstehen, die griechische Zivilisation hebt ein diskursives Verständnis hervor. In der chinesischen Sprache gibt es, namentlich im Zen, nebst der Übertragung bodhai noch den Begriff wu (satori auf japanisch), « verstehen, ins Bewusstsein rufen, klarsehen », und den Begriff jian xing (kensho auf japanisch), « seine ursprüngliche Natur sehen » oder « die ursprüngliche Natur ».
Wie auch immer, Bodhi, das Erwachen bezeichnet in erster Linie Shakyamunis Erfahrung unter dem Bodhibaum. Es ist gleichzeitig eine seit Generationen praktizierte menschliche Erfahrung und eine zur Sage gewordene Erfahrung, auf die man sich bezieht, die Erfahrung, die den Menschen Shakyamuni zu Buddha gemacht hat, zu einer Figur, die über Menschen und Göttern steht und in einem Kalpa nur ein einziges Mal erscheint. Zwischen dieser und unserer eigenen Erfahrung entfalten sich tausende von Sutras, Kommentaren, Belehrungen und Gedichten, jene, die unsere Vorfahren verfasst haben und jene, die wir weiterschreiben. Das Christentum hat eine Theologie, eine Rede über Gott entwickelt, wir haben eine Rede über das Erwachen entwickelt.
So gibt es das Erwachen der Zuhörer (Sravaka), das Erwachen der Einzelgänger-Buddhas (Pratyekabuddha), das höchste Erwachen der Buddhas, die den Bodhisattvaweg gegangen sind, das höchste Erwachen (Anuttarasamyakusambodai) mit den zehn spezifischen Eigenschaften ; es gibt das ursprüngliche Erwachen und das entstehende Erwachen ; es gibt kleine und grosse Erwachen ; es gibt das allmähliche und das plötzliche Erwachen, das stille Erwachen und das Erwachen durch die Koans ; es gibt den Geist und das Herz des Erwachens, die Hilfsmittel des Erwachens, die Wesen des Erwachens, ihre Gelübde, ihre Vorschriften und ihre Länder, und es gibt auch die Fragen zum Erwachen : ist es Allwissenheit ? Ist es ohne Rückfall ? Ist es Auslöschen oder Auftauchen ? Ist es aktiv oder passiv ? Ist es angeboren oder erworben ? Kommt es von innen oder von aussen ? Ereignet es sich oder ist es kein Ereignis ? Und, kann man eigentlich sagen, dass da Erwachen oder kein Erwachen ist ? Erwacht man zum Erwachen oder zur Abwesenheit des Erwachens ? Auch wenn es eigentlich nur darum geht, zu seinen Täuschungen zu erwachen, ist das alles doch der Rohstoff des Erwachens von dem wir seit über 2500 Jahren sprechen.
Natürlich könnte man diese Diskussion beenden und sich still in Zazen hinsetzen, einen Kwatz schreien oder irgendetwas anderes tun. Aber das wird uns nicht davon abhalten, aus unserer Praxis heraus die Welt mit neuen Augen zu betrachten und diese Welt des Erwachens zu betreten wo wir mit allen Buddhas Rede halten. So treten wir von unserer eigenen Erfahrung aus in Kontakt mit Shakyamunis Erfahrung und freuen uns, im Lotus-Sutra diesen wunderbaren Traum zu hören, den Dôgen im Kapitel « Muchû Setsumu » (Mitten im Traum über den Traum sprechen) des Shôbôgenzô zitiert :
Die Körper der Erwachten waren von goldener Farbe, und es leuchteten die Zeichen von hundertfachem Segen. Wenn ich das Gesetz und die Predigt zu den Menschen höre ist da immer dieser gute Traum !
Im Traum ist es auch wo ich König werde, meinen Palast und meine Untergebenen sowie die fünf erlesensten Wünsche
 verlasse, Wo ich mich zum Ort des Weges begebe, Wo ich unter dem Baum des Erwachens, auf dem Löwensitz ruhend Mehr als sieben Tage lang nach dem Weg suche bis ich die Weisheit der Erwachten erlange, Wo ich nach der Verwirklichung des jenseitslosen Weges aufstehe und das Rad des Gesetzes drehe, Wo ich vor den vier Kongregationen während Millionen und Abermillionen Myriaden von Äonen das Gesetz
predige,
Wo ich das erhabenste Gesetz ohne Makel predige und unzählige Wesen ans andere Ufer bringe, Wo ich schlussendlich in das vollkommene Erlöschen eingehe, wie der Rauch sich erschöpft und die Lampe erlischt.
Die Übersetzung dieser Strophe ist eine einzigartige Veranschaulichung der Übereinstimmung und Verflechtung unserer Erfahrung mit Shakyamunis Erfahrung. Tatsächlich habe ich drei abendländische (französische und englische) Übersetzungen dieses Abschnitts miteinander verglichen. Der chinesische Ursprungstext nennt kein Subjekt und sagt nicht wer im Traum König wird, den Palast verlässt, den Löwensitz einnimmt, das Gesetz predigt und ins Nirvana eingeht. So hat jeder Übersetzer seine eigene Wahl getroffen und deutet an, das Subjekt der Strophe sei entweder – wie in der soeben vorgelesenen Version – Shakyamuni selbst, oder der Leser und Behüter des Lotus-Sutras oder die Vielzahl der Erwachten mit ihren goldenen Körpern.
Genau das geschieht wenn wir, getragen von der Praxis und vom Erwachen, alles ablegen und von der eigentlichen Wirklichkeit ergriffen werden. Obwohl es sich um eine intime, innere Erfahrung handelt, ist es nicht bloss ein persönliches Erwachen im Sinne einer Errungenschaft sondern eine Klärung in der wir uns mit dem höchsten Erwachen des Buddha Shakyamuni und der Buddhas der Vergangenheit in Einklang bringen. Ein weiterer Ausdruck dieser Tatsache ist folgender Satz des Lotus-Sutra, der auch als Titel eines anderen Shôbôgenzô-Kapitels dient (Yuibutsu yobutsu) : « Nur ein Buddha mit einem anderen Buddha vermag den wirklichen Aspekt von allem Existierenden bis auf den Grund zu durchdringen ».
Somit kann unsere Praxis nicht nur eine blosse Mechanik sein – Zazen als Turnübung des Erwachens, wie einige sagen – sondern es handelt sich vom Ursprung an um eine Erfahrung, die alle Tiefen unseres eigenen Selbst miteinbezieht. Den Weg gehen bedeutet also vom ersten Schritt an, den Weg mit Glauben zu gehen.
Die Abhandlung von der grossen Tugend der Weisheit sagt :
« Das Buddhagesetz ist ein grosses Meer ; der Glaube ist sein Eingang, die Kenntnis ist sein Fährmann. Der Mensch, dessen Herz von reinem Glauben erfüllt ist kann ins Buddhagesetz eintreten ; ohne Glauben kann er es nicht. »
« Der Glaube ist wie eine Hand. Ist er mit Händen ausgestattet, so liest der Mensch in einem kostbaren Berg nach Belieben Juwelen auf. Auf die selbe Weise nimmt der Glaubende, der ins Buddhagesetz eindringt alles nach Belieben. Ungläubigkeit ist als hätte man keine Hände. »
« Ausserdem hat der Buddha gesagt : “Wenn ein Mensch den Glauben hat, kann er ins Meer meines grossen Gesetzes eintauchen und die Frucht des religiösen Lebens erlangen ; nicht umsonst schert er sich den Kopf und trägt das Kesa. Hat er den Glauben nicht, so kann er nicht ins Meer meines Gesetzes eintauchen. Wie eine verfaulte Frucht, die weder Früchte noch Blüten hervorbringt erlangt er nicht die Frucht des religiösen Lebens. Er kann wohl seinen Kopf scheren, seine Kleider färben, alle Arten von Sutras und Sâstras studieren, kommt aber nicht in den Genuss des Buddhagesetzes.” »
Der Text betont also die Unentbehrlichkeit und Vorrangsstellung des Glaubens für den Zugang zum Dharma. Dabei wissen wir aus eigener Erfahrung, dass viele Menschen aus verschiedensten Gründen zur Praxis kommen, motiviert von Dingen, die meistens mit persönlichem Profit zu tun haben und scheinbar weit entfernt sind vom geringsten Ausdruck eines Glaubens. Jedoch kann dieser Glaube nach und nach aufkommen und sich mit der Zeit konsolidieren. Dies bedeutet, dass der Glaube zwar eine Art Vorbedingung – die Abhandlung sagt, « der Glaube ist sein Eingang » - für den Zugang zur Buddhalehre ist, sich aber auch als Folge der Praxis offenbaren und kräftigen kann. Dôgen betont dies im Bendowa, indem er Zazen als Hauptpforte zum Dharma bezeichnet.
Nach meiner Auffassung sind wir alle von einem ursprünglichen Glauben erfüllt, einem unterschwelligen, der Menschennatur inhärenten Glauben, so wie wir auch erfüllt sind von einem ursprünglichen, grundlegenden Erwachen, das sich durch die Praxis offenbart. Diese Vorstellung des ursprünglichen Glaubens wird im Begriff Shinkon, « Wurzel des Glaubens » angedeutet. Der japanische Mönch Myoe, Dôgens Zeitgenosse der Schule Kegon (Avatamsaka), bekannt für sein Traumtagebuch, schrieb dazu : « Wenn ein ursprünglich begriffstutziger Mensch die Prägungen der Praxis ansammelt, dann kann er in der Regel die Kenntnis erwerben, und ein ursprünglich ungläubiger Mensch wird mit der Wurzel des Glaubens versehen ».
In Wirklichkeit glaube ich, dass uns dieser ursprüngliche Glaube und dieses ursprüngliche Erwachen zur Praxis führen sobald die Ursachen und Bedingungen es erlauben, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. Meister Deshimaru sagte, der Glaube ist funi, nicht-zwei, und er sprach auch von Nicht-Angst. Das heisst, zutiefst ist der Glaube ohne Gegenstand, er ist ruhige Gewissheit.
Übrigens ist das als « Glaube » übersetzte Sanskritwort sraddha (Shin im Chinesisch-japanischen), verwandt mit dem lateinischen Credo, also mit dem Begriff « glauben » in seiner religiösen Dimension. Sraddha stimmt überein mit den Begriffen Vertrauen, Glaube und Treue, und ist bis zu einem gewissen Punkt eine Entsprechung der Bedeutung, die wir im Westen dem Wort Glauben geben. Aber es deckt auch noch andere Bedeutungen, die von den Kommentatoren erforscht wurden. So wie es die Rede vom Erwachen gibt, gibt es auch die Rede vom Glauben.
Im Abhidharmakosa heisst es : « Der Glaube ist die Klärung des Denkens » und « Der Glaube ist das Dharma, durch dessen Kraft das von den Leidenschaften getrübte Denken klar wird ». In diesen Zitaten entfernt sich der Glaube vom emotionalen Ausdruck und wird zu einer geistigen Fähigkeit. Es ist eben so, dass Herz und Geist nicht getrennt sind. Es gibt nicht einerseits den Glauben, eine Art von Gläubigkeit, von mehr oder weniger blindem Gefühl, und andererseits das Erwachen, die alles erleuchtende Weisheit. Beide, Glaube und Erwachen sind zutiefst miteinander vermischt, sind verflochten.
Im Gegensatz zu Paulus im zweiten Korintherbrief (V, 7), « der Glaube, nicht die Sicht führt uns auf dem Weg », könnten wir sagen, dass uns der Glaube und die Sicht auf dem Weg führen oder, noch besser, dass wir in der Verflechtung von Glaube und Sicht auf dem Weg gehen.
Aber da ist noch eine andere Kraft, die uns wie eine Lebensader durchfliesset : die Weitergabe. Auch da sind die Reden und Geschichten zahlreich. Etô Sokuô, einer der grossen Dôgen-Spezialisten des letzten Jahrhunderts, verwendet folgendes Bild in Bezug auf die Weitergabe der buddhistischen Sutras in China und Bodhidharmas Ankunft. Er vergleicht die Weitergabe mit einem Umzug : zuerst kommen die Texte, die Möbel und Besitztümer eines Hauses in mehreren Paketen an ; dann kommt der Patriarch aus dem Westen, der Besitzer der Pakete.
Die Metapher weiterführend könnte man sagen, dass der Besitzer derjenige ist, der alle in den Paketen enthaltenen Güter einordnen und richtig verwenden kann und der den andern beibringt, wie sie zu verwenden sind. Natürlich wird eine begabte Person vielleicht selbst herausfinden, wie der Inhalt der Pakete zu verwenden ist während ein Unbegabter trotz aller Erklärungen nichts versteht. Bevor man sich jedoch selbst als wirklicher Eigentümer fühlt, muss uns jemand sagen : « Nun bist du der Besitzer ».
Genaugenommen ist die Weitergabe in ihren verschiedenen Formen der zentrale Punkt aller Traditionen, überall dort wo immer wieder Generationen auf Generationen folgen. Doch in unserer Schule nimmt sie eine besondere Dimension an weil sie nebst dem konkreten Aspekt der Vermittlung von Methoden und Wissen auch den wesentlichen Aspekt der Nachfolgelinie beinhaltet, verkörpert in der Begegnung von Angesicht zu Angesicht, in der das Dharma und deren Bevollmächtigung übertragen wird. Die Linien der Dharmaübertragung verbinden die Nachfolger mit Buddha Shakyamuni durch eine Namensliste von Meistern deren historischer Wert nach und nach, je weiter man zurückgeht, zu einem symbolischen Wert wird. Durch das blutrote Band, die warme und familiäre Ader, die auf unserem Ketsumyaku durch die aufeinanderfolgenen Generationen fliesst, betritt unsere Praxis den Kreis der Praxis, die wir mit Shakyamuni - und darüber hinaus mit den Buddhas der Vergangenheit - gemeinsam haben. Die Weitergabe verbindet unsere historische Praxis mit der mythischen Praxis der alten Buddhas.
Somit offenbaren also die Begriffe Weitergabe, Glaube und Erwachen eine selbe Dimension der Praxis, die uns über persönliche Auffassungen hinaus zur Umsetzung des Grundprinzips führt, das heisst zu dem was wir religiöse Praxis nennen. Diese drei Begriffe sind Facetten des selben Edelsteins, und man könnte ohne weiteres den Titel dieses Vortrags in einer anderen Reihenfolge sagen : An die Weitergabe des Erwachens glauben, zur Weitergabe des Glaubens erwachen, das Erwachen des Glaubens weitergeben, zum Glauben an die Weitergabe erwachen.
Doch das genügt nicht, denn immer erheben sich Hindernisse auf dem Weg. Die Älteren wissen zum Beispiel, dass eines der Anfangshindernisse in der Praxis die Anhaftung an das Selbstbewusstsein ist. Man hängt an seinem Selbstbild, an dem was man herzeigt, es ist als würde man sich selbst vergegenständigen, die eigene karmische Persönlichkeit als sicheren Wert hervorheben, und so weigert man sich, die Lehre zu hören, zu empfangen und verwehrt sich jegliche Fortentwicklung. Solche Hindernisse, wie auch zahlreiche weitere Anhaftungen lösen sich auf wenn man mit der Praxis fortfährt. Es kann aber auch sein, dass man bestimmte Aspekte des Weges vergegenständigt, und dass diese dann zu Hindernissen werden. Es kann zum Beispiel vorkommen, dass man sich auf die Formen der Praxis versteift – Zazen, die Rituale, die Regeln - oder dass sogar die tiefsten Ausdrucksformen des Weges zu Hindernissen werden.
Das Streben nach dem Erwachen kann eine Täuschung werden, die noch grösser ist als alle anderen Täuschungen wenn das Erwachen als Sache an sich aufgefasst wird, als etwas was man erheischen muss. Die Meister der verschiedenen Traditionen haben immer wieder vor den spirituellen Täuschungen gewarnt, und in der Zentradition gibt es Geschichten von nach dem Erwachen greifenden Schülern im Überfluss. Der Rinzai-Zen hat daraus gar seine Spezialität gemacht.
Die Ausdrucksformen des Glaubens sind starke Anregungsmittel auf dem Weg – sie können Berge versetzen. Aber sie können auch zu blossen gewinnbringenden Werkzeugen oder zu oberflächlichem Volksglauben werden. Allen Beobachtern des volkstümlichen Buddhismus in Südostasien fällt der klar ersichtliche Materialismus im buddhistischen Verehrungsmechanismus auf : man betet und spendet, um materielle Verdienste zu bekommen. Im wahren Leben gibt es das « ohne Profitgeist » kaum. In Europa ist die Situation anders, dennoch kann der Glaube an eine Person, an symbolische Gegenstände auch zur Quelle einer Anhaftung werden, zu einer fesselnden Verblendung.
Auch unser Bezug zur Weitergabe ist heikel. Ob idealisiert oder in Verruf gebracht, der Prozess der Weitergabe löst verschiedenste Reaktionen aus, vermischt sich mit Begehren und Misstrauen und schafft Komplikationen. Es ist nicht einfach, natürlich und vertrauensvoll zu sein, bereit zu geben und zu empfangen ohne erheischen zu wollen.
So können die fruchtbarsten Ausdrucksformen des religiösen Lebens auch dazu beitragen, uns irre zu führen wenn sie Dinge bleiben, die ausserhalb von uns stehen. Die Praxis des Weges besteht darin, sie zu verinnerlichen, sie sich anzueignen. So wie wir Nahrung aufnehmen, verdauen und ausscheiden damit ihr wesentlicher Anteil uns zu eigen wird, so besteht auch das Vorankommen auf dem Weg darin, die Praxis und die Doktrin aufzunehmen, zu verdauen und dann spurlos auszuscheiden wenn man sie sich zu eigen gemacht hat. Das nennt man einen weiteren Schritt machen. Dann ist unsere Rede nicht mehr eine Rede über das Erwachen, über den Glauben, über die Weitergabe sondern wird zur Rede des Erwachens, des Glaubens, der Weitergabe.
Das Grundprinzip ist nicht-zwei. Das bedeutet, dass die Myriaden von Daseinsformen, inklusive der fühlenden Wesen und der Welt der Ideen, widerspruchslos hervorkommen können. Es handelt sich also um ein offenes und bewegliches Universum, in dem wir erwachen, wo wir Vertrauen empfinden und wo das Dharma weitergegeben wird. Dies geschieht in der Fortsetzung einer selben uralten Tradition mit klar definierten Formen, die uns Wissen und Freiheit zugänglich macht. Das ist das Paradox.
Taisen Deshimaru hat uns den Weg zu diesem offenen Universum freigemacht, indem er uns den Glauben an das Erwachen vermittelt hat. In der Widmung, die wir bei den Zeremonien zu seiner Ehre rezitieren verwenden wir das Wort Kaisan, « den Berg öffnen ». Er selbst war ein paradoxaler Mensch, er vereinte in sich die Innerlichkeit des alten Weges mit der charismatischen Äusserlichkeit eines offenen Universums.
Als Schüler fahren wir dreissig Jahre danach damit fort, dies weiterzugeben und den Weg schrittweise zu vertiefen. Seine Unterweisung ist nicht abgeschlossen, das Dharma ist nicht zu. Mit Respekt praktizieren wir eine lebendige Tradition, die sich auf natürliche Weise jedem Ort und und jeder Bedingung anpasst. Es ist ein grosses Glück, und wir sprechen ihm unseren tiefen Dank aus.

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