Teisho: Forderungen des Ich und Auslöschen des Leidens, Gérard Chinrei Pilet

In den meisten Fällen ist die Befreiung vom Leiden eines der Hauptanliegen des Anfängers auf dem Weg. Und das ist nur natürlich. Tatsächlich streben alle Menschen nach Glück, aber fast alle irren sich in der Wahl der Mittel. Nicht aber die Person, die einen Weg des Erwachens einschlägt : sie hat begriffen oder irgendwie gespürt, dass der Blick ins Innere der Schlüssel zur Befreiung vom Leiden ist. Was hingegen sehr oft auf subtile und hartnäckige Weise beim Praktizierenden hängenbleibt ist der Glaube, dass es es ein Ich ohne Leiden gibt. Als wäre der Weg ein Gebilde von Techniken, dem das Kunststück gelingt, das Weiterbestehen der Illusion eines Ichs und das Auslöschen des Leidens miteinander zu veinbaren !


Tatsächlich verkündet der Buddha in seiner Predigt über die Vier Edlen Wahrheiten, dass der Weg das Mittel zur Befreiung vom Leiden sei, aber er sagt auch ganz deutlich, dass das Begehren – darunter ist das Schema von Reiz und Abscheu zu verstehen – Ursprung des Leidens ist. Dies bedeutet, dass die Befreiung vom Leiden das Loslassen dieses Schemas voraussetzt, und gerade dieses Schema ist der eigentliche Charakterzug des Egos.


Buddhas Erklärung der Verbindung zwischen diesem Schema und dem Leiden ist unmissverständlich : « Vereint sein mit dem was man nicht liebt ist Leiden, getrennt sein oder entbehren was man liebt ist Leiden. » Der wesentliche Teil des Fortschreitens auf dem Weg besteht darin, aus diesem Schema herauszukommen. Im Zen geschieht dies hauptsächlich während der Meditation – Zazen – wo man die Gedanken und alle aufkommenden Bewusstseinsinhalte vorüberziehen lässt und sie dabei weder meidet noch festhält oder nährt. Diese Neutralität heisst im Zen Hishiryo. Sie erschliesst dem Bewusstsein einen unendlichen Raum, gewissermassen ein Buddhabewusstsein. Ihre Eigenschaft ist, dass sie alles aufnehmen kann und gleichzeitig von nichts gestört wird. Manche Meister der Zentradition verglichen sie mit einem Spiegel, der alle Gegenstände, die man ihm vorhält wiederspiegelt ohne von ihnen berührt zu sein. Dieses Bewusstsein holt uns heraus aus dem Reiz/Abscheu-Schema und aus der Welt des Egos und lässt uns die Buddhawelt betreten, es befreit uns vom Tandem Genuss/Leiden und etabliert uns in gelassenem Gleichmut und bedingungslosem Glück.


Vertieft sich die spirituelle Reife, so verlässt die Hishiryo-Praxis den geschützen Rahmen des Dojos und erreicht das offene Gelände des Alltäglichen. Das tägliche Leben bietet eine Vielfalt von Gelegenheiten, das Reiz/Abscheu-Schem aufzugeben. Ist nicht so, dass wir im Laufe eines Tages immer und immer wieder eine Ablehnung oder eine zustimmende Bewegung in uns aufkommen sehen ? Wenn wir es schaffen, in solchen Situationen nicht mechanisch zu reagieren sondern zu beobachten, was in uns geschieht, dann ist dies die erste Etappe in der Eroberung einer Freiheit vor dem Leiden. Die zweite Etappe besteht darin, die Ablehnung auslösende Situation voll zu akzeptieren wenn sie sich als unvermeidbar herausstellt. So schneiden wir den Leidensprozess an der Wurzel ab indem wir das « Ablehnungs-Ich » an deren Ursprung zum Verschwinden bringen. Wenn da nur noch Leiden und kein leidendes Ich mehr ist, dann entschwindet das Leiden. Das Mondo zwischen dem berühmten Chanmeister Bodhidharma und seinem Schüler Eka, im 5. Jahrhundert, ist in dieser Hinsicht sehr aussagekräftig. Eka klagt bei seinem Meister über seinen gequälten Geist. Er leidet. Bodhidharma fordert ihn auf : « Zeige mir deinen gequälten Geist ! »
« Das kann ich nicht », sagt Eka, « er ist nicht greifbar. »
« Das heisst dann also, dass er bereits ruhig geworden ist », meint Bodhidharma.


Wenn es keinen persönlichen Geist mehr gibt, der sich das Leiden aneignen oder es ablehnen könnte, dann verschwindet das Leiden und der grosse, allen innewohnende Friede offenbart sich. Die Zenpraktizierenden finden eine gute Veranschaulichung dieser Tatsache in den körperlichen Schmerzen, die sie manchmal bei längerem Sitzen empfinden. Wenn man sich mit diesen Schmerzen identifiziert oder sich dagegen sträubt, dann werden sie rasch unerträglich. Wenn sie hingegen akzeptiert und nicht mehr als « meine » Schmerzen sondern einfach als Schmerzen wahrgenommen werden, dann sind sie nur noch ein Phänomen unter vielen.
 

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