Teisho: In der Stille des Berges singt ein Vogel…, Taiun Jean-Pierre Faure

Manche von uns mögen sich vielleicht zur Stille hingezogen fühlen, zur Kontemplation oder – wer weiss, vielleicht gar zur Musse, zur Faulheit. Andere sind lieber aktiv, in Bewegung, im Austausch. Hinter diesen beiden Verhaltensweisen, wie immer man auch darüber denken mag, verbirgt sich eine bewusste Entscheidung für die Stille, die Leerheit, die Ruhe oder im Gegenteil dafür, sich im Aktivismus, in der Bewegung, in Überlegungen und Gedanken zu verlieren. Buddha sagt uns, dass es noch einen anderen Gesichtspunkt gibt, jenen wo diese völlige Ruhe, dieser tiefe Friede und tatkräftiges Handeln koexistieren. Die Zenmeister sind oft sehr aktiv und doch innerlich äusserst ruhig, nichts kann sie aus dem Sattel werfen. Täuschen wir uns nicht in Bezug auf unsere Praxis ! In Buddhas Augen ist der normale Zustand diese Gleichzeitigkeit von Bewegung und Bewegungslosigkeit, von Stille und Klang, Aktivität und Nicht-Handeln. Ein Zenmeister konnte einmal sagen : unsere Praxis besteht darin, die Welt der Erscheinungen genau zu beobachten und gleichzeitig deren Nicht-Existenz zu spüren. Widersprüchliche Aspekte koexistieren immer. Oft meint man, es brauche ein wenig Aktivität und ein wenig Untätigkeit, ein wenig Audruck und ein wenig Nicht-Ausdruck. Es scheint uns, dass wir auf diese Weise den Buddhaweg verwirklichen. Natürlich ist das ein Irrtum. In der Buddhawelt ist die Stille total, ist die Aktivität total, und beide gehen Hand in Hand. Im Sandokai lehrt uns Meister Sekito, dass die Welt der Unterscheidungen, die Welt des Lichts und die Welt der Einheit, der Nicht-Unterscheidung ein und die selbe Welt sind, dass jede von ihnen durch die andere existiert, wegen der anderen. Ich möchte daran erinnern, wie die Zenmeister das Denken definieren. Meister Bankei spricht von einem durch die Angst vor dem Mangel bedingten Aufruhr im Gehirn, der uns dazu führt, Strategien auszuarbeiten, um diesen Mangel auszugleichen. Manche Gedanken wurzeln in der Angst vor den Schwierigkeiten und vor unserer Unfähigkeit, damit umzugehen : auch da düfteln wir Strategien aus. Für Bankei entspringt das Denken dort wo wir der Realität, dem Universum begegnen. Zum Beispiel : die Frösche quaken im Teich, ein Wurm überquert die Strasse, die Blumen erschauern bei jedem Regentropfen, es regnet. Ich, als Mensch merke mir « es regnet », weil ich dann einen Regenschirm brauche. Dieser Gedanke, « es regnet », ist eine Abkürzung der Wirklichkeit. Ich berücksichtige dabei nicht die gesamte Landschaft sondern nehme nur einen Aspekt, der mein eignens Leben betrifft. Wenn ich in ständiger Einheit mit der Realität bin, dass klingt diese Realität als Gedanke in mir nach. Als ein mit der Situation überienstimmender Gedanke, der nichts zu tun hat mit der Idee von Mangel oder Überschuss. Dieser Gedanke, « es regnet », kommt aus der Tatsache, dass ich selbst eins bin mit der Situation. Verbunden mit dem Denken gibt es immer das Nicht-Denken, das der rohen Wirklichkeitserfahrung entspricht. Weil ich vollkommen in der Situation bin, die Wassertropfen spüre, die Frösche quaken sehe komme ich zum Schluss : es regnet, ich brauche einen Schirm. Im Sandokai sagt Meister Sekito, dass diese beiden Aspekte – derjenige, der zu meinem Bewusstsein gelangt, bei dem ich mich ausdrücke und sage « es regnet » und der andere, die Tatsache, dass ich in diese Landschaft eingetaucht bin — sich gegenseitig nähren und keiner der beiden unabhängig vom andern existiert. Dies ist die richtige Funktionsweise von Buddha. Es ist ein Ablauf von Nicht-Gedanken bei dem man die Vertrautheit mit der Wirklichkeit erfährt, gefolgt von einer Formulierung, die man Gedanke nennt und die zum Nicht-Denken zurückkehrt. Und von diesem Punkt aus entsteht ein Gedanke, immer neu, immer frisch, der der Realität entspricht und uns erlaubt, in jedem Augenblick der Wirklichkeit zu begegnen. Das Geheimnis von Zazen ist also Hishiryo, ein Denken, das jenseits des gewöhnlichen Gedankens liegt – hi bedeutet jenseits. Jenseits der Berechnungen, jenseits der Vorstellungen von Mangel und Übermass. Letztendlich sind die meisten unserer Gedanken bloss die Ausarbeitung eines mangelnden Glaubens. Die Bewusstseinsregung, die man Gedanken nennt und die Abwesenheit von Bewegung, die man Nicht-Denken nennt folgen aufeinander wenn wir mit der äusseren Welt eins, im Einklang sind. Unsere Praxis besteht darin, diese Einheit mit aussen aufrechtzuerhalten. Falsch ist wenn ich aus einem Geanken heraus einen weiteren Gedanken entwickle, dann wieder einen und noch einen, usw… Dann bin ich in einer Welt, die nichts mit der Realität zu tun hat. Es ist wie ein Selbstauslöser : ich gehe von Gedanke zu Gedanke, zu Gedanke, zu Gedanke… Manche Menschen sind es leid, so viel zu denken und entscheiden sich für das Nicht-Denken, für die Leerheit, die Einsamkeit, und sie denken, das sei Zen. Im Sandokai sagt Sekito : es gibt die Welt der Gesichtspunkte, die Welt des Lichts, in der wir alles kennen. Es gibt auch einen anderen Zustand, einen Zustand in dem man mit der Wirklichkeit verschmilzt, in der man keine dualistische Stellung hat ; Sekito nennt diese Welt Dunkelheit. Sehr oft, so sagt er, ist « das Licht kein wirkliches Licht ; tief im Licht gibt es die Dunkelheit, und tief in der Dunkelheit gibt es das Licht. » Was bedeutet dies aus pragmatischer Sicht ? Es bedeutet, dass wir aufpassen müssen, damit wir nicht unserer persönlichen Neigung folgen und durch die Bevorzugung der einen oder anderen in die Welt der Dunkelheit oder in die Welt des Lichts abkippen. Wir müssen begreifen, dass das Licht echt ist wenn es der Dunkelheit entspringt. Die Welle existiert wenn sie dem Ozean entspringt. In der Welle ist Wasser, und dieses Wasser ist das Wasser des Ozeans. Die Welt des Lichts kann nicht von der Welt der Dunkelheit abgetrennt werden. Es ist vollkommene Einheit. Man kann die Welt der Stille nicht von der Welt der Klänge trennen, die Welt der Formen von der der Welt der Nicht-Formen, die Welt des Denkens von der Welt des Nicht-Denkens. Dies ist extrem heikel und schwer zu verwirklichen. Wenn man zuviel denkt, dann neigt man dazu, sich plötzlich dem Nicht-Denken zuzuwenden, und wenn man nicht denkt, dann wendet man sich aus eigener Entscheidung zum Denken hin. Das wovon ich hier spreche ist aber etwas anderes. Es ist, auf dem Grund der Welle das Wasser zu sehen, und dieses grenzenlose Wasser ist das Wasser des Ozeans. Und dann sehen, dass dieser Ozean zur Welle wird. Diesen Doppelaspekt aufrechterhalten ist überaus dynamisch. Im Nicht-Denken verbleiben, in einer Bessessenheit steckenbleiben, immer um die selben Standpunkte herumkreisen ist starr. Das wovon ich spreche ist dynamisch, es ist die Buddha-Realität : wenn mein Geist mit der Wirklichkeit eins ist und gleichzeitig etwas zum Ausdruck bringt. Ein Gedicht sagt es so : Auf dem stillen, unbeweglichen Berg singt ein Vogel. Der Berg symbolisiert die Ewigkeit. Die Buddhas der alten Zeiten nennt man die Berge, das Mineral, das Ewige. Wenn der Berg tief schweigt, wenn kein Geröll hinunterrutscht und kein Vulkan ausbricht, in diesem Moment wo alles in der Ewigkeit verstarrt scheint singt ein Vogel.
Dieser Ausdruck entspringt unserer Einheit mit dem Universum. In jedem Augenblick sollten wir diesen Ausdruck, der aus unserem tiefsten Inneren kommt an den Tag bringen. Letztendlich könnte man sagen, dass der Vogel der Ausdruck des Berges ist. Manche Leute wollen mehr Existenz, andere weniger ; diese beiden Triebe des Begehrens sind dem Menschen angeboren. Sie sind nicht zu kritisieren, sie sind nicht auszumerzen, es geht auch nicht darum, den einen auf Kosten des anderen zu bevorzugen. Aber alle Treibe kommen aus der Resonanz mit der Gesamtheit. Was ich da sage soll unser Zazen erklären, es zeigt uns, wie wir praktizieren müssen. Wir dürfen nicht im Kontin versinken, in der Welt der Stille wo alles ruhig ist, wo sich die Augen schliessen, wo die Haltung zusammensackt und wo ich einschlafe. Genauso wie ich auch nicht diesen auftauchenden Gedanken erheischen, weiterentwickeln, in meine Theorien, Fantasien und Strategien integrieren sollte. Ich darf ihn nur auftauchen und wieder verschwinden sehen. Und um diesen Gedanken herum muss ich gelichzeitig auch das Nicht-Denken sehen.
So wie ich die Umrisse der Wolke nur erkennen kann weil sie sich vom unendlichen blauen Himmel abhebt, kann ich diesen Gedanken nur deshalb klar unterscheiden weil er sich auf dem Hintergrund meines Nicht-Denkens abzeichnet. Denken und Nicht-Denken, die beiden nähren sich gegenseitig. Wenn ich die Unendlichkeit des Himmels nicht sehe, sehe ich auch die Wolke nicht. Jeder dieser beiden Aspekte kann ohne den andern nicht existieren. In Zazen kann man das sehr gut verstehen, aber wir müssen auch verstehen, was das in unserem Leben bedeutet, insbesondere in der Begegnung mit den andern. Wenn wir immer in dieser Doppelsicht sind, die von der Welle und von der Unendlichkeit des Ozeans, die vom Gesang des Vogels und von der Stille des Berges, die von uns selbst und vom Rest des Universums – dann können wir den relativen, vergänglichen und begrenzten Aspekt von uns selbst sehen, der sich auf dem Hintergrund des Gesamten abzeichnet. Wenn ich dann mit jemandem spreche kann ich das Relative in meinem Standpunkt sehen. Und wenn ich meinen Standpunkt relativiere, ihm nicht zuviel Gewicht beimesse, wenn ich also weiss, dass auf diese Weise ein anderer Standpunkt erscheinen kann, dann wird der andere viel wichtiger. Deshalb ist es wichtig, in unserer Beziehung zum Universum die Nicht-Existenz der Illusionen, der Welt der Erscheinungen zu verstehen ; aber es ist auch notwendig, sie genau zu beobachten, ihre Verbindung zum Geamten zu sehen, zu erkennen, dass sie dem Geamten entspringt. Das ergibt dann etwas Leichtes in meinem Umgang mit den anderen. Ich bin immer fähig, meinen Geist für die anderen zu öffnen. Zu verstehn, dass diese mich einengende Angst nur vorübergehend ist, dass ic sie nicht zu nähren brauche, dass ich sie nicht meisseln und schmieden muss. So müssen wir in unserem Leben praktizieren. In der Tiefe unseres Zazen, auf dem stillen, reglosen, ewigen Berg singt ein Vogel. Diesen Vogel nicht unter Kontrolle zu halten, ihn nicht am Singen zu hindern, ihn nicht zum Singen zu zwingen, das ist unsere Praxis. Wenn die Stille absolut und vollständig ist, dann singt der Vogel von selbst. Das kann man nicht ergreifen. Es muss euch klar sein, dass man sich Buddha nicht zu Nutzen machen oder ihm eine Form geben kann ! Deshalb sprach ich vorhin von etwas dynamischen. Buddha kann man keine festgelegte, starre Form geben. Buddha selbst dagt im Lotus-Sutra : « Derjenige, der meine Form sieht, der meine Stimme hört, der ist nicht mein Schüler. » Es handelt sich um etwas anderes. 
Wenn der Berg singt, wenn der Ozean die Form einer Welle annimmt, wenn ich selbst diese Realität bin – das ist Buddha. Es ist jenseits meiner persönlichen Entscheidung, jenseits meines Wollens, jenseits meiner Abneigung. Dies ist unsere Praxis.


Taiun Jean-Pierre Faure

24. Januar 2009.