Shin jin Mei

Dies ist der älteste Ch’an-Text, ein Werk des 3. Chinesischen Patriarchen Sosan, verstorben im Jahr 606. Im Shin jin mei behandelt Sosan die tiefe Natur des Geistes und übermittelt das Mark der Lehre von Bodhidharma und Eka, die Essenz des Zen : weder Wahl noch Ablehnung ; weder Dualität noch Unterscheidung ; die Einheit verwirklichen ist der Weg.

 

Shinjinmei – Gedichtesammlung über den Glauben an den Geist


1
Den Weg betreten ist nicht schwer
Aber es darf weder Liebe geben noch Hass, noch Vorliebe, noch Ablehnung.
2
Weder Liebe noch Hass verspürend
Klar, weit, eindringlich,
(unbestreitbar)
Das Verstehen.
3
Gibt es im Geist eine Einzgartigkeit
Sei sie auch winzig,
So trennt eine grenzenlose Distanz
Himmel und Erde.
4
Wenn ihr hier und jetzt Satori verwirklicht,
Darf die Vorstellung von Richtig und Falsch
Nicht mehr in euren Geist dringen.
5
In unserem Bewusstsein führt der Kampf zwischen Richtig und Falsch
Zur Krankheit des Geistes.
6
Können wir die Quelle der Dinge nicht ergründen,
So erschöpft sich unser Geist vergeblich.
7
Sie ist rund, friedlich, weit wie der Kosmos und vollkommen,
Ohne Verbleiben, ohne Trennung.
8
Wahrhaftig, Ergreifen und Verwerfen sind der Grund
Für unsere Unfreiheit.
9
Jagt nicht den Erscheinungen nach
Und verweilt nicht in Ku (Wahrheit).
10
Bleibt euer Geist ruhig (in seinem ursprünglichen Zustand),
So entschwindet er wie im Traum.
11
Bringen wir die Bewegung zum Stillstand,
So wird unser Geist ruhig.
Und gerade diese Ruhe
Führt dann wieder zur Bewegung.
12
Wenn wir in diesen beiden Extremen verweilen,
wie könnten wir das Eine verstehen ?
13
Das Ursprüngliche nicht zu Durchdringen bedeutet,
Das Gute beider Extreme zu verlieren.
14
Nur eine Existenz zu akzeptieren bedeutet,
In eine Existenz abzustürzen.
Dem Ku zu folgen bedeutet,
Dem Ku zu widersprechen.
15
Auch wenn unsere Worte richtig sind,
Auch wenn unsere Gedanken zutreffen,
Enspricht dies nicht der Wahrheit.
16
Das Aufgeben der Worte und des Denkens
Führt uns jenseits aller Orte.
Ohne Worte und Denken aufzugeben,
Kann man sie nicht lösen.
17
Kehrt man zum Ursprung zurück,
So findet man zur Essenz.
Folgt man der Erleuchtung,
So verliert man den Ursprung.
18
Ein Moment der Erleuchtung,
In alle Richtungen,
Übertrifft das gewöhnliche Ku.
19
Der Wandel des gewöhnlichen Ku (das Vor-Ku)
Ist verbunden mit der Entstehung der Täuschungen.
20
Nicht die Wahrheit suchen,
Nur die Vorurteile unterlassen.
21
Verweilt nicht in den Vorurteilen,
Sucht nicht nach dualistischer Anschauung.
22
Bleibt uns auch nur ein wenig Richtig und Falsch,
Dann versinkt unser Geist in der Verwirrung.
23
Zwei ist abhänging vom Einen.
Haftet nicht am Einen.
24
Wenn sich kein Geist erhebt,
Sind die Erscheinungen ohne Fehler.
25
Kein Fehler,
Kein Dharma,
Kein Dharma,
Kein Geist.
26
Das Subjekt folgt dem Ojekt und vergeht,
Das Objekt folgt dem Subjekt und versinkt.
27
Das Objekt kann als das wahre Objekt verwirklicht werden
Durch die Abhängigkeit vom Subjekt.
Das Subjekt kann als das wahre Subjekt verwirklicht werden
Durch die Abhängigkeit vom Objekt.
28
Will man Subjekt und Objekt verstehen,
So muss man letztendlich begreifen, dass beide Ku sind.
29
Ein Ku, das mit beiden identisch ist
Umschliesst alle Erscheinungen.
30
Unterscheidet nicht zwischen dem Feinen und dem Groben,
Es gibt nichts zu bevorzugen.
31
Die Substanz des grossen Weges ist weit und offen,
Sie ist weder schwierig noch leicht.
32
Kleinliches Denken
Führt zu Zweifeln.
33
Wenn wir am kleinlichen Geist haften,
Verlieren wir jegliches Mass
Und stürzen in den Irrtum.
34
Es frei zum Ausdruck bringend sind wir natürlich.
In unserem Körper gibt es kein Gehen und Verweilen.
35
Die Natur umfassend
Seid ihr in Harmonie mit dem Weg.
35
Der Natur vertrauend
Sind wir fähig zur Harmonie mit dem Weg.
36
Ken hen widerspricht der Wahrheit,
Kontin entweicht ihr.
37
Wollen wir gehen,
Das einzige und vollkommene Fahrzeug erlangen,
So dürfen wir die sechs Arten des Staubs nicht hassen.

38
Wenn wir die sechs Arten des Staubs nicht hassen,
Können wir den Zustand eines wahren Buddha erlangen.
39
Der Weise handelt nicht,
Der Dummkopf liebt, und so fesselt er sich selbst.
40
Im Dharma, kein Unterscheiden,
Doch der Verrückte haftet an sich selbst.
41
Mit dem Geist den Geist anzuwenden,
Ist das grosse Verwirrung oder Harmonie ?
42
Im Zweifel,
erheben sich Sanran und Kontin.
Im Satori-Bewusstsein,
Gibt es weder Liebe noch Hass.
43
In Bezug auf die zwei Aspekte aller Elemente,
Wollen wir zu viel erwägen.
44
Wie ein Traum, ein Gespenst, eine Blume der Leerheit
Ist unser Leben.
Warum leiden in dem Versuch
Diese Erscheinung zu erfssen ?
45
Gewinn, Verlust, Richtig, Falsch,
Ich bitte euch, lasst alles los.
46
Wenn unsere Augen sich nicht schliessen,
entschwinden alle unsere Träume.
47
Wenn unser Geist nicht den Unterscheidungen unterliegt,
Werden alles Daseinsformen des Kosmos eins.
48
Wenn unser Körper vollkommene Einheit verwirklicht,
Können wir augenblicklich alle Verwicklungen zerschneiden.
49
Betrachten wir alle Daseinsformen mit Gleichmut,
So kehren wir zurück zur ursprünglichen Natur.
50
Dies betrachtend
Gibt es keine Vergleiche mehr.
51
Die Bewegung anhaltend
Gibt es keine Bewegung mehr.
Die Ruhe bewegend
Gibt es keine Ruhe mehr.
52
Da beides unmöglich ist,
Gibt es auch das Eine nicht.
53
Letztlich und endlich,
Gibt es weder Regel noch Bestimmungen.
54
Wenn der Geist mit dem Geist übereinstimmt,
Vergeht die Saat, die Spur der Handlungen.
55
Wenn da kein Zweifel des Fuchses ist,
Sind die Leidenschaften vollkommen erschöpft
Und es erscheint auf einen Schlag der richtige Glaube.
56
Da alle Elemente unbeständig sind,
Bleibt in der Erinnerung keine Spur zurück.
57
Mit dem Licht der Leerheit sein Innerstes zu erhellen
Bedarf keiner Geisteskraft.
58
Für Hishiryo
Ist das Erwägen sehr schwierig.
59
In der kosmischen Welt der Wirklichkeit an sich
Gibt es weder eigenes Wesen noch andere Unterschiede.
60
Das Eine verwirklichen,
Ist nur möglich im Nicht-Zwei.
61
Nicht-Zwei,
Alles ist identisch, gleich,
die Widersprüche umfassend.
62
Die Weisen, die gesamte Menschheit
Alle gehen zur Lehre der ursprünglichen Quelle.
63
Ein Moment des Bewusstseins wird zu zehntausend Jahren.
64
Weder Existenz noch Nicht-Existenz,
Überall vor unseren Augen.
65
Das Kleinste ist gleich dem Grössten,
Die Grenzen der verschiedenen Orte müssen wir auswischen.
66
Das unendlich Grosse ist gleich dem unendlich Kleinen,
Die Grenzen der Orte können wir nicht erkennen.
67
Sein ist Nicht-Sein.
Nicht-Sei ist Sein.
68
Wenn dies nicht so ist,
Braucht ihr es nicht nur zu schützen.
69
Eins ist Alles.
Alles ist Eins.
70
Wenn dies so ist,
Wozu sich um Unvollendetes sorgen ?
71
Der Glaube an den Geist ist Nicht-Zwei,
Nicht-Zwei ist der Glaube an den Geist.
72
Letztendlich ist der Weg der Worte völlig abgeschnitten sein,
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind grenzenlos.