Das ursprüngliche Erwachen bei Meister Dôgen, Katia Kôren Robel

Was zeichnet den Sôtôzen aus und worin besteht Meister Dôgens Beitrag zu diesen Merkmalen ?
Er war Nachfolger seines Meister Tendô Nyojô aus der Ts’ao-tung-Linie, eine der fünf Schulen, die später in Japan zur Sôtôschule wird. Dennoch hatte er nicht die Absicht, nur die Tradition dieser Schule weiterzuvermitteln und in seinem Land bekannt zu machen. Dies ist im Shôbôgenzô klar ersichtlich : er verwirft jegliche Benennung seiner Tradition als Schule, Zen-Schule oder Ts’ao-tung-Schule, und besteht darauf, dass eine solche Benennung einen einseitigen Standpunkt darstellt und nicht das authentisch übermittelte Buddhadharma.
Dabei ging es ihm nicht darum, die auf der Weitergabelinie basierte Zentradition abzulehnen oder den Zweig der Ts’ao-tung-Tradition zu verleugnen. Sein Anliegen war, die wahre Bedeutung seiner religiösen Tradition ins Licht zu stellen. Den Begriff « Zen » verwendete er nie, er sagte authentisch übermitteltes Buddhadharma, manchmal Buddhadharma oder wahres Dharma, usw. Die Aufteilungen im Buddhismus und im Zen, deren perverse Auswirkungen (Feindseligkeiten, Engstirnigkeit, Eifersucht, Clangeist, usw.) er im Song-China gesehen hatte, waren ihm von Grund auf zuwider. Auch mit der Ablehnung der Buddhaworte und Sutras war er nicht einverstanden. Für ihn war der Zen an keine Schule gebunden, er war « der Weg aller Buddhas und Patriarchen ».
Was ist denn nun dieses authentisch übermittelte Buddhadharma ? Dôgen sagt : « Das wahre Dharma, das authentisch von Mensch zu Mensch durch die Buddhas und die Patriarchen weitergegeben wurde und das sich in der Handlung des Sitzens verkörpert » (Eihei kôroku 4). Und im Eihei kôroku 6 sagt er : « In erster Linie, was unmittelbar von Mensch zu Mensch durch die Buddhas und Patriarchen der Nachfolge weitergegeben wurde ist der sitzende Zen (Zazen). »
In der Einleitung zum Bendôwa erklärt er die Bedeutung des Buddhadharmas der authentischen Weitergabe :
« Für die Buddhas und Tathâgatas, die alle das allerhöchste Dharma von Mensch zu Mensch erhalten und das vollkommene Erwachen verwirklicht haben, gibt es eine wunderbare, erhabene und vollkommen absichtslose Methode. Durch diese einzige Methode wird das Dharma ohne jegliche Umleitung von Buddha zu Buddha weitergegeben. Es ist die Praxis des Samadhi, das man von sich selbst aus verwendet (jijuyû zanmai), und dies ist das Kriterium (der authentischen Weitergabe). Um dieses Samadhi zu empfangen und davon Gebrauch zu machen, ist die Zazenpraxis der Haupteingang. Dieses Dharma ist in jedem Einzelnen reichhaltig vorhanden, wenn man es aber nicht praktiziert, dann zeigt es sich nicht, und wenn man es nicht an sich selbst erfährt, dann kann es nicht verwirklicht werden. »
Jijuyû zanmai ist das Samadhi dessen Freude, dessen Glückseligkeit man von sich selbst aus verspürt. Es ist nicht die Freude des eigenen Erwachens wie manche denken. Denn das Erwachen ist nichts Persönliches, es ist nicht das Attribut einer Person. Es handelt sich um das ursprüngliche Erwachen.
Dennoch kritisierte Dôgen die Doktrin des ursprünglichen Erwachens aufgrund dessen, was er in China gesehen hatte. Imamura Roshi erzählte uns, dass damals in vielen Klöstern Zazen geübt wurde, manche Lehrer aber auf seltsame Weise praktizierten. Es gab Äbte, die weder Kesa noch Kolomo trugen, andere hatten schulterlanges Haar, lange Fingernägel oder Bart. Wieder andere waren fast nackt oder trugen improvisierte Kleider. Dieses Verhalten begründeten sie mit einer zu jener Zeit ziemlich verbreiteten und beliebten Auffassung des ursprünglichen Erwachens, Hongaku : Jeder ist bereits Buddha, erwacht, ist sich aber dessen nicht bewusst. Sobald man dessen gewahr wird ist man Buddha, egal wie man sich verhält. So braucht man gar nicht erst Zazen zu üben. Ob man schläft oder wach ist, man ist Buddha, also hat man Ruhe und es gibt kein Problem. Regeln sind unnötig. Dôgen zeigt mit dem Finger auf diese Denkweise und kritisiert sie. Der Zen darf nicht zu einer Art Spontaneitätskult werden.
Dôgen begnügte sich nicht damit, sich selbst von ganzem Herzen der sitzenden Meditation zu widmen, er lobte auch deren Verdienste und empfahl allen, sie zu praktizieren und in Zazen die Verwirklichung und Erfüllung des Buddhadharmas zu erkennen. In dieser Sache zeigte er übrigens eine grosse Offenheit für die Laien, Frauen wie Männer.
Nun wurde aber auch im Rinzai Zazen geübt. Worin unterscheidet sich Zazen für Dôgen ? Zum Ersten wird im Rinzai-Zen Kenshô angestrebt, das plötzliche Erwachen, das durch Zazen und Kôan-Studium das « Entdecken seiner wahren Natur » ermöglicht. Dagegen ist im Bendowâ die Rede von einer völig absichtslosen Praxis. Das bedeutet, dass man nicht versucht, durch Zazen zum Erwachen zu kommen. Dies wird im berühmten Mondô des Ziegels klargestellt. Ich werde noch darauf zurückkommen.
Zweitens sind für Dôgen Praxis und Verwirklichung identisch. Es ist die Doktrin vom ursprünglichen Erwachen, das auf wunderbare Weise praktiziert wird, Honshô myôshû, der Schlüssel zum Verständnis der spezifischen Eigenschaft des Sôtôzen.
Dôgen sagt, Zazen sei « nicht die Praxis der Meditation » (Fukanzazengi). Zu Buddhas Zeit übten alle Meditation, die Heiligen, die Weisen, die Asketen… Das Dhyâna, das wir praktizieren, ist nachfolgend auf Buddhas Erwachen. Wenn wir Zazen praktizieren machen wir dieses Erwachen aktuell, wir bringen uns in Einklang mit ihm, wecken es in uns.
Im Gespräch 7 des Bendôwa beantwortet er folgende Frage :
« Was diese Praxis der Meditation im Sitzen (Zazen) betrifft, Jene die das Buddhadharma noch nicht begriffen und verwirklicht haben, können es durch diese Praxis erreichen. Was haben aber Diejenigen von der Meditation im Sitzen zu erwarten, die das wahre Buddhadharma bereits verwirklicht haben ? »
« Obwohl man seine Träume nicht einem Idioten erzählt und die Ruder nicht einem Bergbewohner anvertraut muss ich euch noch belehren. Die Ansicht, Praxis (shû) und Erwachen (shô) seien nicht ein und dieselbe Sache, ist eine Meinung von Menschen ausserhalb des Weges. Dem Buddhadharma gemäss sind Praxis und Erwachen eins. Da in diesem selben Augenblick die Praxis im Herzen des Erwachens ist, beinhaltet die Praxis des Anfängers die Gesamtheit des ursprünglichen Erwachens (honshô). Deshalb lehrt man ihn, wenn man ihn in die Wachsamkeit in der Praxis einführt, das Erwachen nicht ausserhalb der Praxis zu erwarten. Tatsächlich handelt es sich um das ursprüngliche Erwachen… Weil die Praxis Verwirklichung ist, ist die Verwirklichung grenzenlos ; weil die Verwirklichung Praxis ist, ist die Praxis ohne Beginn. (…).
Zu unserem grossen Glück konnten wir unmittelbar (tanden) die Weitergabe von Mensch zu Mensch eines Anteils an dieser wunderbaren Praxis erhalten. Wir, die wir Anfänger auf dem Weg sind, empfangen unmittelbar einen Anteils des ursprünglichen Erwachens im Bereich des Nicht-Bedingten (mui no chi, die Sphäre des Nirvanas). Nehmt zur Kenntnis, dass die Buddhas und Patriarchen uns unaufhörlich lehren, die Praxis nicht aufzugeben, damit wir das von der Praxis nicht zu trennende Erwachen nicht beschmutzen. Wenn wir die wunderbare Praxis vergessen, dann füllt uns das ursprüngliche Erwachen die Hände ; wenn sich unser Körper des ursprünglichen Erwachens entledigt, dann durchdringt die wunderbare Praxis unseren gesamten Körper. »
Die Praxis in sich selbst ist Erwachen, und somit ist das Erwachen kein Ziel an sich. Das Erwachen ist untrennbar verbunden mit der Praxis, und somit ist die Praxis kein Beginn : durch die Nicht-Unterscheidung zwischen Praxis und Erwachen wird das Erwachen nicht als Endziel der Praxis angesehen.
Im Zuimonki sagt Meister Dôgen : « Nansen polierte einen Ziegel, um einen Spiegel daraus zu machen und warnte doch Obaku vor dem Bestreben, Buddha zu werden. Das war selbstverständlich keine Warnung vor Zazen. Sitzen ist die Handlung Buddhas, sitzen ist an sich absichtslos, es ist die Offenbarung seiner ursprünglichen Form. »
Daraus ist klar zu schliessen, dass das ursprüngliche Erwachen eine absolute Vorbedingung darstellt, damit Zazen wahrhaftig Zazen ist.
Letztendlich, wenn man während Zazen sogar die wunderbare Praxis vergisst, dann durchdringt uns das ursprüngliche Erwachen ; wenn man jeglichen Begriff von ursprünglichem Erwachen vergisst, dann verwirklicht sich die wunderbare Praxis in ihrer ganzen Fülle.


Katia Kôren Robel.