Teisho: Die dreizehnte Stunde, Pierre Dokan Crépon

In diesem Teisho werde ich einen Satz von Meister Dôgen kommentieren. Sich auf Dharmaworte – Ausschnitte aus Sutras, Worte von Zenmeistern – abstützen und sie entfalten lassen ist eine gute Art, den Weg zu studieren.
Die Worte der Meister sind Stützpunkte, an denen wir uns hochziehen können. Sie sind auch Verankerungen, die uns helfen, nicht wegzufliegen. Wenn wir die Praxis vertiefen, werden wir auf die selbe Weise vertraut mit den Worten der Meister wie man mit dem Zafu, mit der Esschale vertraut wird. All diese Dinge sind Teil der Materie Dharma, obschon man eigentlich nicht sagen kann, dass es im Dharma eine Materie gibt.

Der Satz, den ich kommentieren will ist ein Auszug aus einem Text des Shôbôgenzô von Dôgen, der Text trägt den Titel Hakujushi, « die Eiche ». Er handelt von Meister Joshu, von einem berühmten Mondo, in dem ein Mönch fragt : « Warum ist Bodhidarma aus dem Westen gekommen ? » Und Joshu antwortet : « Eine Eiche vor dem Garten. » Diese Frage über Bodhidharmas Kommen wurde oft gestellt und auf verschiedenste Weise beantwortet.
Wie auch immer, der Satz über den ich sprechen möchte steht am Ende des Textes und hat nicht unmittelbar mit diesem Mondo zu tun. Um ihn zu verstehen, muss ein kultureller Aspekt erläutert werden : in China und in Japan wird der Tag laut der Tradition in 12 Stunden aufgeteilt, statt in 24 Stunden wie bei uns. Jede Stunde oder Periode kennzeichnet sich durch ein chinesisches Sternzeichen : Tiger, Büffel, Ratte, Hase, usw. Es beginnt mit der Stunde der Ratte von 23 Uhr bis 1 Uhr, dann kommt die Stunde des Büffels, usw.

Hier der besagte Satz. Dôgen sagt : « Was den Moment betrifft, in dem die Eiche den Buddhazustand verwirklicht, er befindet sich innerhalb der zwölf Stunden, aber er befindet sich auch mitten in der dreizehnten Stunde ».

Die dreizehnte Stunde steht ausserhalb der zwölf Stunden des Tages. Es ist eine Zeit ausserhalb der Zeit, ausserhalb dieser Zeit, die im Laufe eines Tages vergeht. Es ist die Welt ausserhalb der Welt. Die dreizehnte Stunde ist die Stunde des religiösen Geistes, die Stunde des mystischen Geistes, Buddhas Stunde.

Unsere Praxis befindet sich in der dreizehnten Stunde. Wenn dies nicht der Fall ist, dann gehört sie bloss zu den zwölf Tagesstunden und wird zu einer mondänen Praxis ; dann ist Zazen nur noch eine Turnübung mit psychosomatischer Wirkung und die Teilnahme am Samu wird eine ehrenamtliche Arbeit auf einer Baustelle. Die Praxis des Erwachens ist jedoch nicht das : Zazen ist nicht bloss die Beine kreuzen und die Haltung einnehmen, es ist das Kesa anlegen, sich mit der dreizehnten Stunde bekleiden. Dies gilt für jeden Moment der Praxis, der in die dreizehnte Stunde gekleidet ist.

Geichzeitig aber findet unsere Praxis auch innerhalb der zwölf Stunden dieser Welt, dieser verfliessenden Zeit statt. Sie ist nicht anderswo, es ist keine Religion eines anderen Moments. Sie ist weder vorher noch nachher. Sie ist eine Praxis von heute.
Man denkt oft, dass es früher besser war. Zu Meister Deshimarus Zeit war es besser, zu Meister Dôgens Zeit war es besser, zu Buddha Shakyamunis Zeit war es besser. Früher war das Wetter besser. Das ist ein menschliches Gefühl. Früher war das Paradies. Es ist das Heimweh nach den Ursprüngen. Die religiösen Integristen möchten in die Zeit der Anfänge ihrer Religion zurückgehen.
Oder man denkt, später werde es besser. Später wird der Messias kommen. Später wird es eine Revolution geben und alle werden glücklich sein. Das ist Eschatologie. Wenn ich es schaffe, den Lotus zu machen, wenn ich dieses oder jenes Problem erst gelöst habe, dann kann ich wirklich den Weg üben.

Zu Dôgens Zeit glaubte man weitgehend, man befinde sich in einer Periode der Degeneration des Gesetzes. Es war die Theorie nach der das Gesetz Buddhas im Laufe von mehreren Perioden stufenweise erschwacht. Eine ähnliche Vorstellung findet man in der indischen Theorie der verschiedenen kosmischen Zeitalter. Die Leute sagten also : « Wir sind in dieser Periode der Degeneration, wir können den Buddhazustand nicht erreichen. » Aus diesem Grund verbreitete sich in dieser Epoche der von Honan und Shinran gepredigte Amidismus in Japan : die Welt war zu degeneriert, man konnte das Buddhagesetz nicht praktizieren. Das Einzige was man laut dem Amidismus tun konnte war, sich dem Buddha Amida anzuvertrauen, der gelobt hatte, alle Wesen zu retten.

Dôgens Lehre ist aber ganz anders, er sagt : « Nein, jetzt, in dieser Periode der Degeneration des Gesetzes, können wir den Buddhazustand erreichen ». Innerhalb dieser Zeitperiode, jetzt, innerhalb der zwölf Stunden können wir praktizieren. Weder vorher noch nachher, mitten im Jetzt.
Innerhalb der zwölf Stunden zu praktizieren ist die tägliche Praxis : die Stunde des Aufstehens, die Stunde für Zazen, die Stunde der Zeremonien, die Stunde der Genmai, des Samu, usw. Jeder Moment dieser zwölf Stunden ist der Moment, den Buddhazustand zu erreichen. Dies bedeutet auch, nicht vor sich selbst zu fliehen, nicht aus seinem Körper zu fliehen. Mit unserem Körper, der mit den Jahren müde wird und altert erreichen wir den Buddhazustand.

Zusätzlich geschieht dies jedoch in der dreizehnten Stunde. Es ist wie dieser Satz : « Im Laufe der 48 Jahre seiner Lehrtätigkeit hat Shakyamuni nie ein Wort gesprochen. » Es gibt die zwölf Stunden, die alle Sutras bilden, jene des Hinayana und jene des Mahayana, der ganze buddhistische Kanon, in dem Shakyamunis Lehren aufgeschrieben sind. Und gleichzeitig gibt es die dreizehnte Stunde in der « Shakyamuni nie ein Wort gesprochen hat ».

Ihr lest Buddhaworte und hört gleichzeitig, es sei kein einziges Wort ausgesprochen worden. Dies ist der Moment wo die Eiche den Buddhazustand verwirklicht. Die Eiche ist Joshu, die Eiche bin ich, die Eiche seid ihr, sie ist jeder von uns. Die Eiche mit ihrer Haut, ihren Knochen, ihrem Mark ist wie wir - mit unserer Rinde, unserem Holz und unserem Saft - wenn wir den Buddhazustand verwirklichen.

Das Erwachen verwirklichen ist das Erwachen, das sich verwirklicht, denn das Erwachen ist nichts anderes als seine Verwirklichung. Bodhi existiert nicht ausserhalb der Verwirklichung von Bodhi, Gott existiert nicht ausserhalb der Verwirklichung Gottes.
Dieser Augenblick ist innderhalb der zwölf Stunden, er ist innerhalb der dreizehn Stunden, mitten in der Form, mitten in der Nicht-Form. Deshalb sagt Dôgen : « Das Erwachen verwirklichen, das bedeutet, in den zwölf Stunden und in der dreizehnten Stunde zu sein ».

Das Erwachen verwirklichen ist das Erwachen, das sich verwirklicht, denn das Erwachen ist nichts anderes als seine Verwirklichung. Bodhi existiert nicht ausserhalb der Verwirklichung von Bodhi, Gott existiert nicht ausserhalb der Verwirklichung Gottes.
Dieser Augenblick ist innderhalb der zwölf Stunden, er ist innerhalb der dreizehn Stunden, mitten in der Form, mitten in der Nicht-Form. Deshalb sagt Dôgen : « Das Erwachen verwirklichen, das bedeutet, in den zwölf Stunden und in der dreizehnten Stunde zu sein ».


Pierre Dokan Crépon                                                       

Le temple de la Gendronnière, 5. August 2007