Meister Taisen Deshimaru und die Einpflanzung des Zen in Europa

Der Westen entdeckt den Buddhismus im 19. Jahrhundert und zeigt rasch ein reges Interesse : es erscheinen buddhistische Studien, die ersten Übersetzungen und eine grosse Begeisterung in gewissen intellektuellen Kreisen. Die Zen-Tradition wird etwas später durch die Werke von Daisetz Suzuki bekannt, die vor und nach dem Zweiten Weltkrieg einen grossen Einfluss haben. Allerdings handelt es sich um eine vorwiegend intellektuelle Herangehensweise, die hauptsächlich die Rinzai-Tradition betrifft. Die Sôtôzen-Praxis verbreitet sich im Westen ab den sechziger Jahren, zunächst in den USA und später, mit der Ankunft von Meister Taisen Deshimaru in Paris, auch in Europa.

Maitre Deshimaru à Paris  Maitre Deshimaru à Paris

Reverend Taisen Deshimaru (Yasuo ist sein ziviler Vorname) ist 1914 bei der Stadt Saga, auf der Insel Kyushu geboren. Sein Vater war ein geschätzter Bürger, der die örtliche Fischergewerkschaft leitete. Seine Mutter war eine fromme Anhängerin des von Shinran gegründeten Jōdō Shinshu (buddhistische Schule, « Reines Land ») ; sie übermittelte ihm ihren Glauben an die Lehre dieser Schule. Ein weiterer Einfluss war der des Bushido-Geistes, der in jener Zeit überall in Japan verbreitet war, ganz besonders aber in Saga, der Hochburg des Samurai-Geistes.

1935, während er in Tokyo Wirtschaft studiert, beginnt er mit der Praxis des Sôtôzen unter Kôdô Sawaki Roshi, einem der grossen Zen-Meister des 20. Jahrhunderts, der damals Godo (Instruktor der Mönche im Sodo) im Sojiji-Tempel war. Sojiji ist einer der beiden Haupttempel der Sôtôschule. Er möchte Mönch werden, Sawaki Roshi rät ihm aber zu praktizieren und gleichzeitig als Laie zu leben. Das tut er dann auch in den folgenden dreissig Jahren. Während dem Krieg – wegen seiner Kurzsichtigkeit wurde er vom Dienst in der Armee befreit – verbringt er mehrere Jahre in Indonesien, das er Jahre später erneut besuchen wird.

Kurz vor seinem Tod im Jahr 1965 verleiht ihm Kodo Sawaki die Mönchsordination. Taisen Deshimaru spürt, dass er nun die Widersprüche gelöst hat, die er zwischen materiellen und spirituellen Aspekten des Lebens und zwischen der Shinshu-Lehre und dem Zen empfunden hatte.

1967 kommt er als Gast einer Gruppe von französischen Makrobiotik-Anhängern nach Frankreich und widmet sich dort ganz der Unterweisung von Zazen und der Zen-Tradition. Es ist eine günstige Zeit, seine Mission findet rasch grossen Anklang. In wenigen Jahren multipliziert er Vorträge und Praxis-Sessionen, übersetzt grundlegende Zentexte, veröffentlicht Bücher und gründet den Europäischen Zen-Verein (der später zum internationalen Verein wird) : die Anzahl seiner Schüler nimmt zu und er gründet zahlreiche Praxisorte. Mit der Zeit wird seine Tätigkeit auch in Japan anerkannt. Er erhält 1970 die Dharma-Weitergabe von Yamada Reirin Roshi 1970 und wird dann 1976 zum Kaikyosokan (Hauptverantwortlicher der Missionarstätigkeit) für Europa ernannt.

Von diesem Moment an weitet sich sein missionarisches Werk weiter aus und mündet 1979 in der Gründung des Tempels der Gendronnière. Gleichzeitig erfordern die wachsende Zahl seiner Schüler, die Arbeit der Einpflanzung und Anpassung der Tradition und die Verwaltung des Ganzen immer mehr Arbeit. Er plant, japanische Lehrer als Assistenten heranzuziehen, aber 1981 wird er krank. Taisen Deshimaru Roshi unterliegt am 30. April 1982 in Tokyo den Folgen seiner Krebskrankheit.

Taisen Deshimaru besass eine ausserordentlich Energie. Was ihn vorantrieb war ein unerschütterlicher Glaube an die Zazen-Praxis, an die reine Lehre der Buddhas und Patriarchen des Zen und an die Bedeutung dieser Praxis und dieser Lehre für die künftige Zivilisation. Zwar hat er weder einen direkten Nachfolger ernannt noch eine offizielle Weitergabe (shiho) verliehen, aber er übermittelte diesen Glauben an zahlreiche Schüler, die er ausgebildet hatte und von denen er einige als zukünftige Meister bezeichnete.

Als Gründer des Zen in Europa hat Taisen Deshimaru die lebendige Tradition des Zen dauerhaft in eine neue Erde eingepflanzt.

 

Pierre Dôkan Crépon.